Menschen die die Welt bewegten

Oberlausitzer Wunderkinder

Kaum eine andere Region brachte so viele weltbewegende Denker wie die Oberlausitz hervor: Jacob Böhme, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottlieb Fichte, Hermann Lotzevon Maik Hosang (21.05.2013)

Aus der Oberlausitz stammen gleich mehrere Denker, die jeder auf seine Weise starken Einfluss auf eine progressive Entwicklung Deutschlands, Europas, ja der ganzen menschlichen Welt nahmen. Die hier geborenen Philosophen Jacob Böhme, Johann Gottlieb Fichte und Rudolph Hermann Lotze setzten entscheidende Impulse für die Ausprägung modernen und freien menschlichen Selbstbewusstseins. Der ebenfalls dieser sanft hügeligen Landschaft entstammende Gotthold Ephraim Lessing war nicht nur der Kopf der deutschen Aufklärung, sondern ist berühmt auch als Initiator einer die verschiedenen Religionen und Völker verbindenden Weltethik. Wir laden Sie ein, sich etwas in diesen erstaunlichen Geist der Oberlausitz zu vertiefen: Indem sie die kurzen folgenden Impulse hier einfach für sich aufnehmen; oder indem sie sich auf eine wirkliche Reise begeben und an den Orten der Begegnung mit diesen bedeutenden Menschen inspirieren lassen. Verschiedene Vorschläge zu solchen Reisen voller Sinn und Sinnlichkeit präsentieren wir Ihnen hier in Kürze.

Jacob Böhme, geboren 1575 in Alt Seidenberg bei Görlitz, gestorben am 17. November 1624 in Görlitz. Weil er als erster die deutsche Sprache nutzte, um über den Zusammenhang von Mensch, Gott und Welt nachzudenken und zu schreiben, und weil seine Gedanken einen enormen Einfluss auf viele spätere Denker hatten, gilt er als „der erste deutsche Philosoph“ (Hegel). Schelling bezeichnete ihn als „eine Wundererscheinung in der Geschichte der Menschheit“. Bedeutende spätere Wissenschaftler, Dichter und Denker wurden von Böhmes Gedanken inspiriert: Goethe, Newton, Novalis und zahlreiche andere. Zitate von Böhme:

„Ich vergleiche die ganze Philosophie, Theologie und Astrologie samt deren Mutter einem köstlichen Baum, der in einem schönen Lustgarten wächst.“ (Jacob Böhme: Aurora)

„Der wahre Glaube ist frei und an keinen Artikel gebunden, als nur an die rechte Liebe…“ (Jacob Böhme: Von der Menschwerdung)

"Es warte nur niemand des äußern Propheten. Er scheinet innerlich im Geiste. ... Das Paradeis muß im Menschen grünen." (Jacob Boehme: Bedenken)

"Es kann ein Mensch im ganzen Lauf seiner Zeit in dieser Welt nichts fürnehmen, dass ihm nützlicher und nötiger sei als dieses, dass er sich recht lerne erkennen, 1. was er sei, 2. woraus oder von wem, 3. wozu er geschaffen worden, und 4. was sein Bestimmung sei." (Jacob Boehme: Drei Prinzipien göttlichen Wesens)

Gotthold Ephraim Lessing, geboren am 22. Januar 1729 in Kamenz, gestorben am 15. Februar 1781 in Braunschweig. Er gilt als der wichtigste Dichter der deutschen Aufklärung. Mit seinen Dramen und seinen theoretischen Schriften hat er der weiteren Entwicklung des Theaters einen wesentlichen Weg gewiesen und die öffentliche Wirkung von Literatur nachhaltig beeinflusst. Lessing ist der früheste deutsche Schriftsteller, sein dramatisches Werk wird bis heute ununterbrochen in den Theatern der Welt aufgeführt. In seiner Dichtung, aber auch in theoretischen Schriften, wirkte er für eine neue weltweite Vernunft im Sinne der tieferen Werte, welche allen Religionen zugrunde liegen. Beispielhaft dafür sind seine Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts", und sein Drama "Nathan der Weise". In der berühmten Ringparabel fällt der Kernsatz, welcher, u.a. in Anlehnung auch an die Kerngedanken des Christentums („Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“, 1 Joh 4, 16) , die Grundlage aller großen Weltreligionen im menschlichen Mut zur Liebe sieht:

„Wohlan! Es eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach!“

Johann Gottlieb Fichte, geboren am 19. Mai 1762 in Rammenau bei Bautzen, gestorben am 29. Januar 1814 in Berlin. „Wir waren damals alle Fichteaner“, dieser Satz Hölderlins aus der Zeit um 1797, als er in Jena Fichtes Vorlesungen hörte, drückt dichterisch etwas vom ungeheuren Einfluss aus, den Fichtes Geist auf seine Zeitgenossen und Nachfolger hatte. Hölderlin, Schiller, Novalis, Beuys, Hegel, Marx, Nietzsche, Lotze, Rudolf Steiner oder Rudolf Bahro – viele später auf je ihre Weise einflussreiche Künstler und Denker empfingen von Fichte entscheidende Impulse. Seine „Reden an die deutsche Nation“, gehalten um 1808 in Berlin, wirkten katalytisch auf das deutsche Selbst- und Freiheitsbewusstsein und schufen die geistige Grundlage zur Befreiung von Napoleon. Es müsse ein neues Selbst gesucht werden, welches über die Nation hinausgehe: die Vernunft. In den Reden ruft Fichte zu einer Nationalerziehung nach dem Vorbild von Johann Heinrich Pestalozzi auf, die das menschliche Verhältnis zur Freiheit in der Vernunft- und Werterziehung verankern soll. In dieser Erhebung zur Vernunft, zum wahren Selbst, das jede Nation übersteigt, entfällt für Fichte auch die mögliche Feindschaft zu anderen Individuen und Nationen, denn der so gebildete Mensch strebe danach seine Mitmenschen zu achten und zu lieben, während ihn ihre Unterdrückung schmerzen müsse. 

Rudolf Hermann Lotze, geboren am 21. Mai 1817 in Bautzen, aufgewachsen in Zittau und gestorben am 1. Juli 1881 in Berlin, war eine der zentralen Figuren der Philosophie des 19. Jahrhunderts und gehörte bis in die 1920er Jahre zu den bekanntesten und meist diskutierten Philosophen Deutschlands, der auch weltweit hohes Ansehen genoss. Heute ist Lotze im Ausland mehr bekannt und geschätzt als in Deutschland. Lotze, der sowohl Medizin als auch Philosophie studierte, war (neben Fechner) Mitbegründer der wissenschaftlichen Psychologie; und er entwarf eine durchaus moderne integrative Philosophie des Zusammenspiels von Mensch und Kosmos. Er erforschte die Brücke zwischen den bis dahin fast immer gegensätzlichen Philosophien von Außen- und Innenwelt. Universelle Naturgesetze und objektive Notwendigkeiten gibt es für ihn, doch sie sind nicht abstrakt abgespalten von uns, sondern stehen in Verbindung mit den Gefühlen und Bedürfnissen des menschlichen Herzens, mit den Idealen der Kunst und des Glaubens. Hinter dem menschlichen Leben und Handeln sah er uns universell verbindende ethische Werte wirken. Kernpunkte sind dabei die Idee des Guten und die Freiheit des Willens.